Dass grosse Geister nicht frei von Aberglauben waren, beweist am besten der Silvesteraberglaube, der sich noch bis in die heutige Zeit erhalten hat. Was unsere grössten Meister betrifft, so berichtet man von Goethe, er habe mit grösster Spannung auf das erste Wort gelauscht, das ihm nach dem zwölften Schlag der Uhr im neuen Jahr gesagt wurde. Aus diesem Wort zog er dann allerlei Schlüsse auf den Verlauf des kommenden Jahres, und er war in der Deutung des Wortes sehr erfinderisch. Henrik Ibsen wiederum wollte am Silvesterabend keine Tinte und kein Papier sehen, da er fürchtete, dies könnte seine Schaffenskraft im neuen Jahr lähmen. Den merkwürdigsten Neujahrsaberglauben aber hatte Caruso. Er wollte am Silvesterabend nur in Gesellschaft von blondharigen Menschen sein, weil er der festen Überzeugung war, dass ihm brünette Leute Unglück brächten. Er begründete diesen Aberglauben mit einer Erzählung aus seinem Leben. Als er im Jahre 1893 in Neapel Silvester feierte, war er zufällig nur mit blauäugigen Menschen zusammen. Er erhielt im neuen Jahre sein erstes Engagement in Neapel. Aehnlich ging es ihm am Silvesterabend des Jahres 1898. Er befand sich damals in Gesellschaft von zehn blonden Damen und vier Herren. Wenige Wochen später trat er im Mailänder « Teatro Lirico » auf und hatte seinen ersten grossen Erfolg, der seinen Weltruhm begründete. Dagegen hatte er im Jahre 1888, in dem er auf Befehl seines Vaters Schlosser werden musste, den Silvesterabend nur in Gesellschaft von schwarzhaarigen Menschen verbracht. Es war, wie er selbst zugab, der unglücklichste Silvesterabend seines Lebens und das folgende Jahr sein traurigstes, weil er schwer unter dem aufgezwungenen Beruf litt. (itg).











