Der Tod kam auf Samtpfoten Von Marian Babson Copyright by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach, durch Verlag von Graberg & Görg, Hattersheim
Teil 30 « Entsetzlich ! Entsetzlich ! » Marcus Opal ging händeringend den Gang auf und ab. « Entsetzlich ! Kann nicht jemand etwas unternehmen ? » « Nicht bevor Carlotta kommt. » Kellington Dasczo war ziemlich blaß um die Nase, er versuchte, dem großen Käfig den Rücken zuzuwenden. « Sie ist benachrichtigt worden und müßte jeden Augenblick hier eintreffen. » « Es ist ohnehin zu spät », sagte Betty Lington. Sie war ein bißchen heiser vom Schreien. « Das sieht man auf den ersten Blick. » Ich hatte versucht, mir den Anblick zu ersparen. Pandora hockte auf meiner Schulter. Immer noch überlief sie gelegentlich ein Schauder, und manchmal miaute sie in der Stimmlage eines quengelnden Invaliden. Ich hatte versucht, sie in ihren Käfig zu setzen, aber sie hatte sich hysterisch schreiend gegen den Maschendraht geworfen, und so mußte ich sie mir wieder auf die Schulter setzen. Dort wollte sie offensichtlich bleiben. Ich würde es nicht über Herz bringen, noch einmal zu versuchen, sie in den Käfig zu sperren. Und es gab auch niemanden mehr, der sic darüber hätte aufregen können. Rose Chesne-Malvern lag in dem Tigerkäfig. Sie hatten sie in eine Ecke des Käfigs gezerrt - gnädigerweise in eine dunkle Ecke. Wir konnten sehen, daß sie ziemlich übel zugerichtet worden war, aber die Einzelheiten waren nicht zu erkennen. Eines war sicher, sie war nicht aus eigenem Antrieb in diesen Käfig gekrochen. Ich hoffte, sie war gar nicht bei Bewußtsein gewesen - oder hatte noch gelebt. Aber das konnte man nur durch eine Autopsie feststellen. Und der Pathologe würde ein gewisses Geschick für Puzzles brauchen. « Können wir sie nicht aus diesem Käfig holen ? » fragte Marcus Opal. « Wir können sie doch nicht einfach dort lassen. Es ist... es ist unmenschlich. » Die Tiger beachteten den Körper gar nicht. Nun ja, sie waren vorher gut gefüttert worden. Trotzdem, ich hatte nicht die geringste Lust zu versuchen, sie ihnen wegzunehmen. Auch sonst meldete sich kein Freiwilliger. « Was machen wir wegen der Ausstellung ? » fragte Betty Lington. « Wir können sie doch nicht so kurzfristig absagen - oder doch ? Können wir ? » Ich hatte befürchtet, daß sie mich bei dieser Frage ansehen würde. Ich schaute auf meine Uhr. Es war erst sieben. Die Ausstellung öffnete um zehn und würde bis sechs dauern. Ein paar der Aussteller, die eine sehr lange Anreise gehabt hatten, waren bereits gestern abend eingetroffen. Andere waren jetzt noch auf dem Weg, und wir konnten sie nicht erreichen. Wir konnten sie nicht gut an der Tür abweisen, oder ? Und was war mit denen, die schon hier waren ? Wie ich auch immer antwortete, es würde jedenfalls ein langer Tag werden. « Wenn die Polizei keine Einwände hat, sollten wir die Ausstellung durchführen », sagte ich langsam. Sie nickten zustimmend. Das Abstimmungsergebnis war einstimmig. Sie waren ohnehin schon dazu entschlossen gewesen, hatten nur darauf gewartet, daß ein anderer den Vorschlag in Worte faßte. « Wie konnte das passieren ? » sagte Kellington Dasczo klagend. « Wir alle waren doch die ganze Nacht über hier. » Er blickte in die Runde. « Wir können doch nicht alle einfach durchgeschlafen haben ? » Das war ein Gedanke, dem niemand sich stellen wollte. In einem der Zimmer hatte jemand nicht die ganze Nacht hindurch geschlafen. Jemand hatte die Futterklappe des großen Käfigs hochgezogen und Rose Chesne-Malvern - tot oder bewußtlos - in den Käfig geschoben. Und dann ? Konnte es sein, daß derjenige wieder zum Schlafen ins Bett gegangen war, obwohl er wußte, was im Tigerkäfig vorging ? Ich sah einen nach dem anderen an, aber alle wirkten gleich zerzaust, übernächtigt und mitgenommen. Ich mußte genauso aussehen. Ich registrierte einige Seitenblicke und begriff, daß in diesen Kreisen Eifersucht wegen einer Katze ein völlig plausibles Mordmotiv darstellte. So wie Rose gestern an Pandora herumgezerrt hatte, würden ein paar von ihnen die Tat wahrscheinlich sogar als gerechtfertigt bezeichnen. « Können wir sie nicht wenigstens zudekken ? » Marcus Opal versuchte immer noch, in einer Situation Anstand zu bewahren, die ihren Anstand schon lange vorher verloren hatte. « Wie ? » Kellington brachte ihn zum Schweigen. « Ich glaube, daß die Polizei nicht will, daß irgend etwas am Tatort verändert wird », sagte ich. Wo blieb die Polizei überhaupt ? « Sie haben doch die Polizei gerufen ? » « Ich habe den Tierschutzbund angerufen », sagte Marcus. Das war wirklich eine große Hilfe. « Haben Sie... äh... unser Problem dargestellt ? » « Nun, leider nicht », sagte er bedauernd. « Niemand ist ans Telefon gegangen. Ich hatte die Uhrzeit nicht bedacht. Kaum zu glauben, daß es noch so früh ist. » Ich war ganz seiner Ansicht. Auch mir kam es vor, als seien mindestens drei Wochen vergangen, seit die Schreie mich heute morgen geweckt hatten. Und zwar drei ziemlich üble Wochen. Dabei hatte der Tag noch nicht einmal richtig angefangen. « Die Polizei... », regte ich zaghaft an. « Das ist sicher nicht nötig », protestierte Marcus. « Ich meine, es ist entsetzlich genug, daß sich diese schreckliche Tragödie ereignen konnte, aber die Polizei noch hineinzuziehen... » Kellington und ich wechselten mitleidige Blicke. « Und wie... », er versuchte, Marcus die Lage begreiflich zu machen, »... hat sie sich Ihrer Meinung nach ereignet ? » « Es muß ein Unfall gewesen sein. Sie... sie... » Er mühte sich ab, war aber auch bei größtem Optimismus unfähig, einen vernünftigen Grund zu nennen, warum Rose Chesne-Malvern den Käfig betreten haben sollte. « Exakt », sagte Kellington. « Die Polizei muß es erfahren - und über eine allzu große Verzögerung wäre sie nicht besonders erfreut. » « Es ist alles geregelt. » Helena Keswick erschien hinter der Gruppe. « Die Polizei kommt. Roger benachrichtigt sie, bevor er das Haus verläßt. Ich habe ihn gerade angerufen. »











