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­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­ Die Rosen von Malmaison Von Gaby von Schönthan Copyright 1966 by Autor und AVA GmbH, München-Breitbrunn, durch Verlag von Graberg & Görg, Hattersheim ­­­­­­­­­­­­­­­­­­

Teil 29 Die nächste Liste enthielt noch nicht alle Namen, aber Hoche wurde aufgerufen. Er gebrauchte dieselben Worte wie Tereza. « Auf Wiedersehen », sagte er. Er sollte in das « Vorzimmer des Todes » gebracht werden. Nachdem Hoche fort war, versank ich in hoffnungsloses Entsetzen. Ich weinte, bis ich nicht mehr weinen konnte. Niemand konnte mir über die Krisen der Todesangst weghelfen. Ich sah das blutbespritzte Gerüst der Guillotine, den Henker, der die Köpfe seiner Opfer an den Haaren hochhielt, bevor er sie in den Korb mit Sägespänen warf. Ich sah mich im Verhandlungssaal, erlebte das hoffnungslose Verhör, die Hände wurden mir auf den Rücken gebunden, und ich fühlte, wie ich auf den Karren gestoßen wurde. Ich schrie wie eine Besessene auf. Und der Schrecken wurde immer schneller. Mit der Riesenhand griff er in die Gefängnisse und holte wahllos hübsche Frauen und echte Revolutionäre, Kinder und Gelehrte, Dirnen und Trunkenbolde, Alte und Junge, Freunde und Feinde. Auch Alexander wurde mitgegriffen. Als sein Name aufgerufen wurde, war ich fast zu stumpf, um zu erschrecken. Er kam an unserer Zelle vorbei, um Abschied zu nehmen. Delphine weinte das verständnislose Weinen eines Kindes, als ihr Alexander seinen Ring in die Hand drückte. Ich stand nur da und sah ihn an. Die Worte zum letzten Abschied blieben aus. Friedrich Salm-Kyrburg begleitete Alexander auf dem Weg ohne Wiederkehr. Seine Hände flatterten etwas, als sie die meinen drückten, doch sein blasses Gesicht war wie entrückt. Der Prinz hatte an Menschenrechte und Revolution geglaubt. Er empfand mit einem letzten Hochmut den Tod als Erlösung von solcher Menschheit. Ich lag dann in meiner Zelle und schaute blicklos in den beginnenden Sommer. Die Sonne glühte Paris aus. Der Gestank von Unrat und verdorbenem Essen verbreitete sich mit der heißen Luft, er drang durch die Türritzen in jeden Raum, er quoll aus den Wänden, und durch die Fenster traf uns der glühende Brodem der sterbenden Stadt. Mir fehlte der eiserne Mut, der die meisten Frauen der Aristokratie ihren letzten Gang stolz gehen ließ. Ich hatte nur nackte Verzweiflung und die Forderung an das Leben, das mir so viel versprochen und bisher so wenig gegeben hatte. Der letzte Brief Alexanders, den er nach seiner Verurteilung zum Tod an mich geschrieben hatte, wurde mir geöffnet übergeben. Während ich den Sinn der wie gehetzt über die Bogen taumelnden Schriftzüge zu begreifen versuchte, fragte ich mich, ob ich schon Witwe war, ob meine Kinder schon vaterlos waren oder ob vielleicht im selben Moment Alexander seinen Kopf auf den Richtblock legte. Der Abschiedsbrief war wie alle Briefe Alexanders. Bis zum letzten Augenblick verbarg er sein wahres Ich hinter schönen Worten, hochgestochenen Gedanken und gekonnten Redewendungen. Er schrieb die Deklamation des Abschieds eines Vierunddreißigjährigen, der nicht wußte, warum der Tod zu ihm kam. Er schrieb von seinem Bedauern, sich von dem Vaterland trennen zu müssen, für das er tausendmal gern sein Leben gegeben hätte und dem er nun nicht mehr würde dienen können. Er betonte sein reines Gewissen und seine ehrenhafte Seele, deren wahrhafter Wunsch immer dem Gedeihen der Republik gegolten habe, und ermahnte mich, Trost in meinen Kindern zu finden, sie aufzuklären und tugendhaft im Bürgersinn zu erziehen. Er schloß : « Leb wohl. Du kennst die, die ich liebe. Sei ihnen Trost und verlängere durch Deine Fürsorge mein Leben in ihren Herzen. Leb wohl. Ich drücke Dich sowie meine lieben Kinder zum letztenmal an meine Brust. » Ich zerknüllte den Brief und tröstete die, die er zuletzt geliebt hatte, Delphine, die mit vom Weinen ausgewaschenen Augen auf seinen Ring starrte und ihren Kummer nicht zu fassen vermochte. Was der Juni an Hitze gebracht hatte, übertraf der Juli bei weitem. Die Mauern des Hauses hatten am Morgen noch nicht die Glut des Vortages ausgestrahlt, und schon traf sie wieder das erbarmungslose Glühen der Sonne. Roblâtre war unter dem Verdacht, den Gefangenen Kontakt mit der Außenwelt erlaubt zu haben, verhaftet worden. Sein Nachfolger, Aubert, war kein Hundefreund. Fortuné durfte mich nicht mehr finden. Ich gab mich verloren. Am X. Thermidor stand ich am Fenster und blickte in den verbrannten, braungefärbten Garten. Jenseits der Mauer stand eine Frau und winkte aufgeregt. Ich beachtete sie zuerst nicht, doch sie gestikulierte weiter. Sie deutete auf ihr Kleid, dann hob sie einen Stein auf und schwenkte ihn. Sie wiederholte die Gesten so lange, bis ich begriff : Kleid = robe, Stein = pierre - Robespierre. Ich nickte atemlos. Die Frau machte die anschauliche Gebärde des Kopfabschneidens, klatschte in die Hände, schlug sich begeistert auf die Schenkel und begann zu tanzen. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. War es möglich, Robespierre hatte selbst « in den Korb gespuckt » ? Die Kunde durchlief Paris wie ein Feuer : Robespierre war im Konvent verhaftet worden. Ein Schuß hatte ihm die Kinnlade zertrümmert, und in demselben blauen Rock, in dem er der Schreckensherrschaft präsidiert hatte, hatte er mit einem schmutzigen Verband über dem zerschossenen Kiefer auf dem Tisch des Konvents gelegen. Dann war er auf dem Armesünderkarren zum Richtplatz gebracht worden, angespien und geschmäht von den wütenden Massen. Sein Kopf war ihm unter tosendem Applaus abgeschlagen worden. Als mir zwei Wochen nach dem Ende der Schreckensherrschaft mitgeteilt wurde, ich sei frei, erreichte die Freude mein Bewußtsein nicht. Tereza hatte Wort gehalten. Tallien hatte den Freilassungsbefehl unterschrieben. Das Tor des Gefängnisses öffnete sich. Die Sonne schien warm. Die vollbelaubten Bäume warfen Gitter von Schatten und Licht auf die beschienenen Wege des Tuilerien-Gartens. Ich atmete das Leben in tiefen Zügen ein. Ich war eine Witwe mit zwei Kindern. Ich hatte keine Ersparnisse, eine Menge Schulden und kein Einkommen, aber meine Lage bekümmerte mich nicht. (Fortsetzung folgt)

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