Die Katze, die Postbote spielte Von Lilian JACKSON BRAUN Copyright by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach durch Verlag von Graberg & Görg, Frankfurt am Main
Teil 13 « Ich habe gehört, nachdem sie ihre Wohnung verunstaltet hat, ist sie weggezogen », sagte die Anwältin forsch. « Apropos Transportmittel, Mr. Qwilleran, wollen Sie Ihr kleines Auto nicht durch etwas... Gehobeneres ersetzen ? Mr. Fitch in der Bank wird für die Bezahlung sorgen. » « Das Auto, das ich habe, ist vollkommen in Ordnung, Miss Goodwinter. Die Karosserie ist nicht verrostet, und es ist sparsam in der Haltung. » Qwilleran beeilte sich, das Gespräch zu beenden. Während Penelope sprach, hörte er in einem anderen Teil des Hauses ungewöhnliche Geräusche - eine Mischung aus Plumpsen, Prasseln, Klatschen, Zischen und Rascheln. Er lief aus der Bibliothek, um nachzusehen, woher es kam. Hinter der Eingangshalle mit ihrer majestätischen Treppe war ein großzügig bemessener Vorraum, dessen Fußboden mit cremeweißen Marmorplatten belegt war. Hier war die Rosenholzgarderobe mit Haken für Zylinder und Melonen und einem Ständer für Gehstöcke. Hier stand ein Tisch mit Marmorplatte und einem Silbertablett für Visitenkarten. Und hier befand sich die massive Eingangstür mit Schnalle und Schlüsselloch- verkleidung aus Messing, einer Messingglocke, die läutete, wenn man von außen einen Schlüssel im Schloß umdrehte, und einem Briefschlitz, der ebenfalls aus Messing war. Durch diesen Schlitz flogen jetzt Kuverts jeder Größe und Form und bildeten auf dem Boden einen Haufen. Und auf dem kühlen Marmor saßen Koko und Yum Yum und sahen dem Vorgang erwartungsvoll zu. Ab und zu streckte Koko eine Pfote aus und warf einen Brief vom Haufen hinunter, und dann schlug Yum Yum ihn auf dem glatten Fußboden herum. Während Qwilleran zusah, versiegte die Kaskade von Briefen, und durch die Seitenfenster konnte er die Briefträgerin in ihren Jeep steigen und wegfahren sehen. Sein erster Impuls war, das Postamt anzurufen und irgendein anderes Arrangement vorzuschlagen, doch dann merkte er, welche Freude die Katzen an diesem Ereignis hatten. Sie sprangen in den Berg Briefe wie Kinder in eine Schneewehe, sie wälzten sich darin, rutschten darauf herum und verteilten sie über den ganzen Fußboden. Noch nie in ihrem jungen Leben war jemals etwas so Wunderbares passiert ! Die Briefe rutschten über den Marmorboden des Vorraums und auf den Parkettboden der Eingangshalle, wo Yum Yum versuchte, sie unter den orientalischen Teppich zu schieben. Sie war Spezialistin im Verstecken von Dingen. Einen Brief hielt Koko zwischen den Zähnen, und er stolzierte mit gewichtiger Miene damit herum. Es war ein rosa Umschlag. « Komm, gib mir diesen Brief ! » befahl Qwilleran. Koko lief ins Speisezimmer, Qwilleran hinterher. Der Kater schoß in dem Labyrinth von vierundsechzig Stuhlbeinen herum, während Qwilleran hinter ihm herjagte und schimpfte. Schließlich wurde Koko des Spiels überdrüssig und ließ den rosa Umschlag vor Qwillerans Füßen fallen. Es war ein Brief der Postamtsvorsteherin, die er während seines Urlaubs in Mooseville kennengelernt hatte. Er war wunderschön getippt, so ganz anders, als er selbst es mit seinem Zweifingersystem zustande brachte, das sich trotz der vielen Artikel, die er in fünfundzwanzig Jahren getippt hatte, nicht gebessert hatte. Sie schrieb : Lieber Qwill, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Erbschaft ! Sie und die Katzen werden eine Bereicherung für Moose County sein. Wir hoffen, daß Ihnen das Leben hier oben gefallen wird. Nick und ich haben auch aufregende Neuigkeiten. Ich bin endlich schwanger ! Er will, daß ich meinen Job kündige, weil ich soviel auf den Beinen bin (der Arzt sagt, ich muß vorsichtig sein), und so habe ich eine Idee. Könnten Sie eine Teilzeit-Sekretärin brauchen ? Es würde mir Spaß machen, als Sekretärin eines Mannes zu arbeiten, der für die Zeitung schreibt. Grüßen Sie Koko und Yum Yum von mir. Mit katzlichen Grüßen, Lori Bamba. Was passiert war, lag klar auf der Hand. Koko hatte den rosa Brief aus dem Berg Post herausgesucht, weil er nach jemandem roch, den er kannte. Lori hatte sich während ihres Aufenthalts in Mooseville mit den Katzen angefreundet ; sie waren ganz hingerissen von ihren langen, goldenen Zöpfen mit den blauen Schleifen. Einen Augenblick später erschien Koko mit einem anderen Brief und sprang davon, als Qwilleran danach griff. Und die Jagd ging wieder los. »Du glaubst, das ist ein Spiel », rief Qwilleran ihm nach, « aber wenn du dich da mal nicht täuschst ! Ich werde in Zukunft meine Post vom Postamt abholen. » Diesmal war der Brief von seiner ehemaligen Vermieterin im Süden unten. Einen denkwürdigen Winter lang hatte Qwilleran eine Wohnung über ihrem Antiquitätengeschäft gemietet, in einem alten Gebäude, das nach gebackenen Kartoffeln roch, wenn die Heizung an war. Koko hatte den Geruch seiner früheren Wohnung wieder erkannt. In dem handgeschriebenen Brief stand : Lieber Mr. Qwilleran, Rosie Riker hat mir von Ihrer Erbschaft erzählt, und ich freue mich sehr für Sie, obwohl wir alle Ihre Kolumne im Daily Fluxion vermissen werden. Fallen Sie nicht in Ohnmacht, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich mein Antiquitätengeschäft verkauft habe ! Nach dem Tod meines Mannes war ich nicht mehr mit ganzem Herzen bei der Sache, und jetzt übernimmt es Mrs. Riker. Sie ist eine gewiefte Sammlerin, und sie wollte schon immer mit Antiquitäten handeln. Mein Sohn will, daß ich nach St. Louis ziehe, aber er ist jetzt verheiratet, und ich wäre vielleicht im Weg. Jedenfalls kam mir gestern eine verrückte Idee, und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer daran denken mußte. Also : Mrs. Riker sagt, Sie hätten ein großes Haus voller Antiquitäten geerbt und werden eine Haushälterin brauchen. Wie Sie sich erinnern werden, kann ich recht gut kochen und ich weiß, wie man wertvolle Antiquitäten pflegt. Außerdem habe ich jetzt meine Konzession als Schatzmeisterin und könnte den derzeitigen Wert der Sachen für Sie schätzen - wegen der Versicherung. Ich meine es ernst ! Ich würde es wahnsinnig gerne tun. Sagen Sie mir, was Sie davon halten. Ihre Iris Cobb PS : Wie geht es den Katzen ? (Fortsetzung folgt)











