« Und was passiert, wenn ich zwei oder drei Kandidaten auf der Liste ankreuze ? » Mit ihrer Frage ist die verschleierte Frau auf dem Hof der Bäckerei in Kandahar nicht allein. Eine kleine Gruppe von Bäckerinnen hat sich hier versammelt, um der 34-jährigen Schukria vom Frauenausschuss der afghanischen Wahlkommission in Sachen Demokratie und Wahlrecht zu lauschen. Denn nach jahrzehntelanger Taliban-Herrschaft haben große Teile der Bevölkerung keine Vorstellung davon, wie Wahlen funktionieren. Und Frauen werden von den Männern in Gesellschaft und Familie immer noch unterdrückt — und am Wählen gehindert. Dagegen wollen Schukria und ihre Mitarbeiterinnen angehen. In ihrem Kampf für den Aufbau der Demokratie in Afghanistan wollen sie sich nicht einschüchtern lassen — gerade nicht in Kandahar, einer ehemaligen Hochburg von Taliban-Anhängern im Süden des Landes. Schließlich soll der historische Urnengang am 9. Oktober nach ihrem Willen wirklich zu der ersten freien und demokratischen Präsidentschaftswahl des Landes werden. « Lasst Euch diese Chance nicht entgehen ! Wir sind unabhängig, wir sind Menschen, wir haben Rechte », ruft Schukria den Frauen zu.
Taliban
Den Stimmzettel in der Hand, erklärt sie der Gruppe geduldig, wie sie einen der 18 Kandidaten zum Staatsoberhaupt wählen können. Aber die größte Sorge der Frauen sind die Drohungen und Anschläge militanter Taliban. « Wir machen uns Sorgen um unsere Kinder », argumentiert die eine. Und eine andere Frau pflichtet ihr bei : Sie freue sich ja, dass Frauen jetzt arbeiten gehen und Schulen besuchen könnten. Aber gleichzeitig habe sie Angst vor Selbstmordanschlägen. Schukria versucht, die Sorgen zu zerstreuen. Anschlagsdrohungen seien nur « Propaganda » — und überhaupt : « Wir haben Sicherheit. Bitte, um Gottes Willen, nutzt diese goldene Chance. » Allerdings : Die Sorgen der Frauen sind nicht unberechtigt. In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche Anschläge, bei denen über ein Dutzend Wahlhelfer getötet wurden. Und im April drohten die Taliban afghanischen Wählerinnen mit dem Tod. « Insbesondere Frauen müssen mit der Todesstrafe rechnen, wenn sie sich in die Wählerlisten eintragen und wählen gehen », hieß es laut den afghanischen Sicherheitsbehörden auf einem Flugblatt, das in der Provinz Logar südlich von Kabul verbreitet wurde. Landesweit sind den offiziellen Statistiken zufolge 42 Prozent der eingetragenen Wähler Frauen. Doch im paschtunischen Süden sieht die Lage gänzlich anders aus : In den fünf paschtunischen Provinzen, zu denen auch Kandahar gehört, entfielen fünf Tage vor Ablauf der Registrierungsfrist Mitte August gerade einmal 20 Prozent der 1,2 Millionen beantragten Stimmkarten auf Frauen. Dabei stellen Frauen hier, wo viele Männer im Krieg getötet wurden, die Mehrheit der Bevölkerung. Safia Amadschan, eine der Frauenbeauftragten in Kandahar, sieht den Grund für die zögerliche Beantragung von Wählerkarten durch Frauen im Süden in mangelnder Bildung und in der anhaltenden Unterdrückung der Frauen. Viele Männer ließen ihre Ehefrauen gar nicht aus dem Haus. Fatima Dschailani, die für die Koordinierung der Staatsbürgerkunde für Frauen in Kandahar verantwortlich ist, weiß von einer Frau im Dorf Loja Wala, die von ihrem Mann geschlagen und verstoßen wurde : Sie hatte ihm ihre Wählerkarte gezeigt, die sie gerade abgeholt hatte.
Bei einem Informations- treffen des Frauen- ausschusses der afghanischen Wahl- kommission.
AFP











